„Junkies fit 4 Job ?!“ – Hilfsangebot „Zwischenstopp“ stärker in den Fokus rücken

18.10.2019

Das Projekt „Zwischenstopp“ in Bockelwitz (Stadt Leisnig) existiert seit Juni 2016.

„Es überbrückt die Zeit zwischen der qualifizierten Entzugsbehandlung in einer Psychiatrie, die in der Regel drei bis vier Wochen dauert, und der drei- bis sechsmonatigen Langzeittherapie, die sich in den seltensten Fällen nahtlos anknüpft. Für die Suchtkranken ist dies eine gefährliche Zeit, rückfällig zu werden, wenn sie keine Unterstützung bekommen“, so Dr. med. Ulrike Ernst, Chefärztin der Klinik für Suchtmedizin am Fachkrankenhaus Bethanien Hochweitzschen. Sie gehört gemeinsam mit Vertretern des Landratsamtes Mittelsachsen, der Diakonie Döbeln als Träger und weiteren Partnern zu den Initiatoren dieses als Pilotprojekt gestarteten niederschwelligen Hilfsangebotes für Suchtkranke, die einen Entzug machen möchten. „Über die Pilotphase sind wir längst hinaus. Das Angebot hat sich fest etabliert und ist aus der mittelsächsischen Hilfslandschaft nicht mehr wegzudenken“, so der Leiter des Geschäftskreises Ordnung, Soziales und Gesundheit im Landratsamt Jörg Höllmüller. Nun solle es stärker im Fokus der Öffentlichkeit sein.

„Für 2020 ist die Finanzierung noch zugesagt. Wie es danach weitergeht, ist noch ungewiss, deshalb ist es das gemeinsame Ziel aller Partner, einen festen Unterstützerkreis für Zwischenstopp zu finden und zu etablieren“, so der 2. Beigeordnete. Unter der Fragestellung „Junkies fit 4 Job ?!“ waren deshalb am 16. Oktober Vertreter der Wirtschaft und der Politik zu einem ersten internen Arbeitstreffen in der Kreissparkasse Döbeln zusammen gekommen. „Referenten haben die bisherigen Erfolge des Hilfsangebotes vorgestellt, über die Zahl der Suchtkranken in Mittelsachsen und Sachsen informiert, den volkswirtschaftlichen Nutzen herausgestellt  und Fragen beantwortet“, gibt Jörg Höllmüller einen Überblick.

Der Landkreis Mittelsachsen finanziert drei Suchtberatungsstellen: in Döbeln, Freiberg und Mittweida. „Doch bevor beispielsweise ein Crystalabhängiger überhaupt den Schritt zu solch einer Beratungsstelle wagt, hat er im Einzelfall schon eine langjährige Drogenkarriere hinter sich“, erläutert der Psychiatriekoordinator im Landkreis Matthias Gröll. Von den 407 Klienten, die die Suchtberatung Mittelsachsen 2018 aufgrund des Konsums illegaler Drogen aufgesucht haben, waren 241 von Stimulantien wie Crystal Meth und 155 von Cannabis abhängig. „Der Großteil, nämlich 80 Prozent, von ihnen hat einen Schulabschluss und mindestens die Hälfte davon eine abgeschlossene Berufsausbildung“, fasst Jörg Höllmüller die Ergebnisse eines Vortrages von Helmut Bunde, bis 2017 Vorsitzender der Sächsische Landesstelle gegen die Suchtgefahren, zusammen. Diese Zahlen würden verdeutlichen, welches volkswirtschaftliche Potential verloren gehen würde, wenn dieser Personenkreis ohne Hilfe seinem Schicksal überlassen werden würde. „Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in Bockelwitz Hilfe bekommen und annehmen, suchen eine Chance, um sich eine neue, suchtfreie Existenz aufzubauen. Dazu gehört eine Anstellung und deshalb sind nun die Unternehmen gefragt, zu unterstützen, indem sie beispielsweise Praktika oder Arbeitsverhältnisse anbieten“, so Jörg Höllmüller. Chefärztin Dr. Ulrike Ernst ergänzt: „Zudem sichert eine berufliche Tätigkeit im Anschluss an eine Rehabilitationsmaßnahme die künftige Abstinenz.“

Seit Juni 2016 haben bisher 56 Männer zwischen 18 und 43 Jahren das niederschwellige Hilfsangebot angenommen. Zwei Drittel (37) seien nach ihrem Aufenthalt in Bockelwitz in eine Langzeittherapie gewechselt. „Damit ist die Erfolgsrate deutlich besser als im landesweiten Durchschnitt. Diese liegt bei zirka 55 Prozent“, so Ernst. „Auch die erfolgreiche Beendigung der Langzeittherapie liegt mit zwei Drittel bei den Zwischenstopp-Absolventen höher als im Landesdurchschnitt, wo reichlich die Hälfte aller Drogenentwöhnungsbehandlungen abgebrochen wird.“ Rund die Hälfte der bisher betreuten Männer stammt aus Mittelsachsen. „Ein weiterer großer Teil kommt aus dem Nachbarkreis Meißen sowie aus der Landeshauptstadt Dresden, die übrigen aus anderen Teilen Sachsens und Sachsen-Anhalts“, so Dr. Ulrike Ernst. Frauen und Männer gemeinsam in einer Einrichtung zu betreuen, sei nicht zielführend, „da durch das rasche Eingehen zwischenmenschlicher Beziehungen die Konzentration für das Wesentliche, nämlich die Beschäftigung mit eigenen Verhaltensweisen und Lernerfahrungen, verloren geht“, ergänzt die Medizinerin. Auf dem Vierseithof in Bockelwitz ist Platz für bis zu neun Männer gleichzeitig. Mit ihrem Einzug verpflichten sie sich zu absoluter Abstinenz, haben einen geregelten Tagesablauf und gehen einer Beschäftigung nach. Sie zahlen Miete für ihr Zimmer und unterziehen sich regelmäßigen Alkohol- und Drogentests. 

„Während der Pilotphase 2016/17 sind für Zwischenstopp Kosten in Höhe von rund 117.000 Euro entstanden. 80 Prozent der Kosten trug der Freistaat, der Rest der Landkreis“, so Psychiatriekoordinator Matthias Gröll. Er hat, unter Federführung von Vertretern der Kreissparkasse Döbeln, an einem Businessplan und einer Opportunitätskostenanalyse mitgewirkt. Denn „die Drogensucht und die jeweiligen Folgen beeinflussen nicht nur das Leben des Drogenkonsumenten, sondern resultieren in ökonomischen und sozialen Kosten für die gesamte Gesellschaft. Diese belaufen sich auf immerhin rund 3,7 Milliarden Euro jährlich beispielsweise für drogenbedingte Gesundheitskosten, Gerichts- und Inhaftierungskosten sowie soziale Transferleistungen“, so Gröll.

Das Fazit: Bereits nach zwei Jahren hatte sich „Zwischenstopp“ aus volkswirtschaftlicher Sicht gelohnt. „Damit ist der fachlich-inhaltliche sowie der ökonomische Projekterfolg bewiesen“, fasst Jörg Höllmüller die Ergebnisse des Arbeitstreffens zusammen. Der Landkreis übernehme gemeinsam mit den Projektpartnern eine Aufgabe, die vordergründig andere Kostenträger übernehmen müssten. „Das Hilfesystem bräuchte eine Nahtlosigkeit zwischen Entzug und Langzeittherapie. Aktuell gibt es dafür keine Regelleistungen. Im Interesse der Betroffenen möchten wir das Projekt Zwischenstopp in Bockelwitz gern fortführen und sind deshalb auf die Unterstützung der Partner aus Wirtschaft und Politik angewiesen. Ich bin froh, dass wir mit der Kreissparkasse Döbeln einen engagierten und gut vernetzten Partner an unserer Seite wissen“, so Höllmüllers Fazit.

Mehr Informationen zum Projekt gibt es unter www.bockelwitz3.de.

Bisher sind folgende Partner beteiligt:

  • Diakonie Döbeln (= Träger),

  • Landkreis Mittelsachsen,

  • Stadt Leisnig,

  • Verein Jugend in Arbeit e. V. – Bockelwitz Nr.3

  • Krankenhaus Bethanien Hochweitzschen

  • Jobcenter Mittelsachsen

  • Netzwerk e. V.

Adressen der Suchtberatungsstellen:

  • Diakonie Freiberg e. V.
    Suchtberatungs- und -behandlungsstelle Freiberg
    Peterstraße 44/46, 09599 Freiberg    
    Annette Schlichting
    Tel. 03731 482-0
    E-Mail sucht-1@diakonie-freiberg.de

  • Blaues Kreuz in Deutschland e. V.
    Suchtberatungs- und -behandlungsstelle Mittweida 
    Neustadt 11, 09648 Mittweida
    Ulrich Bretschneider 
    Tel. 03727 930-579 
    E-Mail suchtberatung.mittweida@blaues-kreuz.de

  • Diakonie Döbeln e. V. 
    Suchtberatungs- und -behandlungsstelle Döbeln 
    Otto-Johnsen-Straße 4, 04720 Döbeln
    Martin Creutz 
    Tel. 03431 7126-26, -18
    E-Mail creutz@diakonie-doebeln.de